" Ein Stückchen Pionierarbeit"

Da gab es einen Planungsleitfaden der Energie Agentur NRW, einen Aufruf an Kommunen und an alle, die in der Wohnungswirtschaft tätig sind. Die Stadt Gelsenkirchen hatte diesen Aufruf für "50 Solarsiedlungen in NRW" sofort aufgenommen, denn die Stadt wollte die Solarstadt schlechthin werden. Gleichwohl hatte die IBA Internationale Bauausstellung ein großes Interesse daran, denn im Jahr 1999 sollte das "Finale" stattfinden mit bis dahin schon hervorragenden Siedlungsprojekten, und auch Gelsenkirchen sollte ein solches Highlight für das Jahr 1999 noch erhalten.

Demzufolge haben die Stadt Gelsenkirchen und die IBA Internationale Bauausstellung über Investoren für ein solches Projekt nachgedacht. Das Grundstück sollte eine damals noch landwirtschaftlich genutzte Fläche in Gelsenkirchen-Bismarck sein; also hat die Stadt Gelsenkirchen erste städtebauliche und planerische Vorbereitungen bereits 1998 getroffen. Zwei Investoren sollten beteiligt sein. Der damalige Geschäftsführer der IBA Internationale Bauausstellung, Herr Henri Beierlorzer, hat im Juni 1998 daraufhin die Kontakte zu der Firma Interboden Immobilien u. Grundverwaltungs mbH & Co aus Ratingen sowie zu der ortsansässigen B+G Bau + Grund Immobilien GmbH gesucht.

Ein für alle Beteiligte ehrgeiziges Unterfangen nahm dann seinen Lauf mit dem Ziel, dass der Startschuss für die Bauaktivitäten bereits im Sommer 1999 sein sollte, denn schließlich wollten beide Investoren den Status "Solarsiedlung" erhalten - und die Stadt Gelsenkirchen Ihre Solarsiedlung. Vieles, fast alles ist im Planungsleitfaden, der Dokumentation der Energie Agentur NRW, aufgezeigt und niedergeschrieben. Man brauchte nur noch eine Idee, das Grundstück, die Menschen, welche am Projekt und Umsetzen der Idee mitarbeiten und auch noch die Menschen, welche in diesem Lebensraum in diesem Stadtteil mit dieser Idee leben wollten.All diese Voraussetzungen sollten möglichst in 12 Monaten zwischen 1998 und 1999 umgesetzt werden. Ganz egal, ob das zu ehrgeizig oder einfach nicht zu schaffen war.

Die Baugrundstücke wurden von der Stadt Gelsenkirchen zu angemessenen Preisen erworben. In relativ kurzer Zeitwurde ein Bebauungsplan erstellt und für rechtskräftig befunden. Für einen alten Bachlauf quer durch das Grundstück musste ein Bodenmanagement sowie ein Entwässerungs- und Versickerungskonzept unter gutachterlicher Begleitung durch das Erdbaulaboratorium Ahlenberg aus Herdecke ausgearbeitet werden, und schließlich war auch noch das Ministerium einzubinden, denn es galt Fördermittel zu beantragen. Der TÜV Rheinland Sicherheit und Umweltschutz GmbH aus Köln begleitete das Projekt in der Bauphase und sollte eine Evaluierung nach Abschluss der Bauarbeiten vornehmen. Fachplaner für das aufwendige Energiekonzept mussten gefunden werden und Ausschreibungen mussten erfolgen für die Erschließung des Baugeländes, bevor mit den eigentlichen Hochbauarbeiten begonnen werden konnte. Zugleich erfolgten Verhandlungen u.a. mit der Firma Pilkington Solar International, um Solarzellen aus Gelsenkirchen auf den Dächern der Häuser zu montieren. Nach Ausschreibung und Vergabe konnten tatsächlich Photovoltaikkollektoren aus Gelsenkirchen eingebaut werden, und die solarthermischen Anlagen (im Bereich B+G Bau und Grund Immobilien GmbH) kamen von der Firma Schüco International KG aus Bielefeld. Auch mussten von Anfang an zwei Investoren zueinander finden, welche unterschiedlicher in Philosophie und Ausrichtung nicht sein konnten. Bereits am Jahresanfang 1999 haben beide Partner (Interboden GmbH und B+G Bau+Grund Immobilien GmbH) eine Präambel zur Durchführung und Abwicklung der Baumaßnahme einschließlich der Aufgabe als gemeinsamer Erschließungsträger der Siedlung unterzeichnet: Eine jederzeit angenehme, konstruktive und vom gemeinsamen Erfolg überzeugte Zusammenarbeit mit Herrn Dr. Rainer Götzen und Herrn Burghardt Nothen nahm Ihren Lauf. Und so kam es, dass tatsächlich Ende 1999/Anfang 2000 die ersten Käufer ihre Häuser beziehen konnten, obwohl das Ganze in der kurzen Zeit eigentlich überhaupt nicht zu schaffen gewesen war.

Botschafter für das Bauen mit der Sonne - auch im Nordteil der Siedlung

Der Nordteil der Siedlung sollte zu Anfang eigentlich nicht Teil der Solarsiedlung werden. Dies wäre aber eine Benachteiligung des Südteils der Siedlung, weil die Häuser dort teurer zu errichten gewesen wären und somit ein Wettbewerbsnachteil entstanden wäre. Mit allen Beteiligten erfolgte daher die Entscheidung, eine Siedlung aus einem "Guss" zu errichten, auch wenn der Nordteil auf Grund der Gebäudeausrichtung gerade im Bereich der Photovoltaik größere Kollektorflächen errichten musste um die Anforderungen an eine Solarsiedlung zu erfüllen. Die Entscheidung war getroffen, und sie war auch die richtige Entscheidung - vor allem auch aus heutiger Sicht, zum 10jährigen Bestehen der Siedlung. Die B+G Bau+Grund Immobilien GmbH hat sich im Sommer 1998 schnell dazu entschlossen, das Architektenbüro plus + bauplanung GmbH Hübner-Forster-Hübner aus Neckartenzlingen damit zu beauftragen, den nördlichen Teil zu beplanen. Zunächst erschien die Gebäudeausrichtung Ost/West, keine Fenster nach Süden (fehlende passive Solarenergienutzung) als nachteilig, aber die Idee von Prof. Hübner, die giebelständige Südausrichtung der Dächer zu nutzen führte schließlich doch dazu, Haustypen mit giebelständiger Ausrichtung der Dächer in Richtung Sonne zu realisieren, bei denen gleichzeitig Photovoltaik und Solarthermie auf den südausgerichteten Dachflächen in den Himmel glänzen. Dieser Baustein oder gerade dieser Haustyp war wichtig, denn die giebelständige Bauweise besticht dadurch, dass trotz einer Reihenbauweise das einzelne Gebäude sich in einer Zeilenbebauung wiederfindet. Im Oktober 1998 stellten die Stadt Gelsenkirchen, sowie die IBA Internationale Bauausstellung und die Investoren das Projekt der Öffentlichkeit im Wissenschaftspark Gelsenkirchen vor. Der Bebauungsplan erhielt Rechtskraft im Februar 1999. Die Grundstückskaufverträge mit der Stadt Gelsenkirchen wurden sodann vollzogen, die Baugenehmigungen wurden im Juli 1999 erteilt, und der Baubeginn für den Nordteil erfolgte im Juli 1999. Auf dem Richtfest erklärte der damalige Bauminister Michael Vesper am 14.Oktober 1999, dass die zukünftigen Bewohner "Botschafter für das Bauen mit der Sonne" werden. An diesem Tag feierte die erste Solarsiedlung im Rahmen der 50 Solarsiedlungen in NRW Richtfest, und nicht viel später zum Jahresende 1999/2000 konnten die ersten Häuser bereits fertig gestellt werden.

Sonne auf die Fassaden

Der Unterschied der nördlichen und südlichen Baureihen macht die Qualität und den Erfolg der Siedlung aus. Die B+G Bau+Grund Immobilien GmbH baute Keller, massiv Stein auf Stein mit dezentraler Energieversorgung. Die giebelständigen Reihenhäuser in zwei unterschiedlichen Hausgrößen entsprachen schnell dem Geschmack der Kaufinteressenten. Einfach und unkompliziert sollten die Häuser sein. Es sollten Häuser sein, welche schon immer gebaut wurden, so dass die Berührungsängste gering waren und weshalb bei der Kaufentscheidung vielleicht auch diese Häuser zunächst bevorzugt wurden. Die B+G Bau+Grund Immobilien GmbH hat gleichzeitig die "Sonne auf die Fassaden" geholt; in Abstimmung mit Architekten und der IBA Internationale Bauausstellung wurde ein Farbkonzept erarbeitet, wo 16 sonnige Farben bei zunächst 26 Häusern auch den Käufern übermittelt und nahe gebracht werden mussten. Alle Käufer waren damals begeistert, auch wenn schon mal der Wunsch bestand, vielleicht die Farbe des Nachbarn zu erhalten, was jedoch nicht möglich war. Der zweite Bauabschnitt erhielt dann eine Farbe, die sich an die Baugruppe der Häuser von Interboden anglich. Das Besondere der fünf Reihenhäuser von Interboden war, dass Photovoltaik und Solarthermie in die Dachfläche integriert sind auf einem Teil des Pultdaches; darüber hinaus erfolgte eine extensive Dachbegrünung.

Die Begrünung war auch Auflage der Stadt Gelsenkirchen bei den Garagen, welche eine leichte extensive Begrünung erhielten. Ursprünglich sollte es keine Garagen geben, aber hier haben beide Investoren die Stadt Gelsenkirchen umgestimmt, denn ohne Garagen waren und sind Häuser nicht zu verkaufen. Dem Bebauungsplan wurde insofern weiter Rechnung getragen, dass alle Häuser im Nordteil der Siedlung begrünte Müllschränke vor den Hauseingängen erhielten.
Ein weiteres entscheidendes Merkmal der nördlichen Baureihen war, dass dem Käufer ein entscheidendes Mitspracherecht gewährt wurde bei der Fassadengestaltung: Im Erd-, Ober- und Dachgeschoss auf der Garten- und Eingangsseite wurde ein Konzept für die Fenstergröße erarbeitet, so dass sich jeder Käufer individuell, aber in einem bestimmten Fensterraster, verwirklichen konnte. Aus diesem Grund waren auch Schiebeelemente im Erdgeschoss zum Garten hin möglich. Viele sonnige Farben an den Fassaden/Giebelständen und unterschiedliche Ansprüche bei den Fenstergrößen prägen die Gestaltung der nördlichen Baureihen, wobei gerade auch die Giebelseite der Fassaden mit Ihren teilweise großen Fensteröffnungen zur Straße hin ein Farbtupfer sind und fast optimal ausgerichtet sind für das Bauen mit der Sonne.

Zwischen der Idee im Jahr 1998 und und der Fertigstellung im Jahr 2000 für den nördlichen Teil vergingen zwei Jahre (Gesamtfertigstellung der Siedlung 2001). In dieser Zeit wurde nicht nur die Siedlung gebaut, um den Status "Solarsiedlung" zu erhalten, es musste auch das Regenwasser der Haus- und Garagendächer an die städtische Versickerungsanlage angeschlossen und per Gestattungsvertrag übertragen werden, und zu guter Letzt musste auch noch der Name für die Siedlung gefunden werden. Auf Vorschlag von Herrn Peter Winkelmann sollte die Siedlung "Sonnenhof" genannt werden - und dem hat die Stadt Gelsenkirchen auch sofort und gerne Rechnung getragen.

Auch heute - 10 Jahre nach Fertigstellung - ist der "Sonnenhof" eine Vorzeigesiedlung und ist dem Anspruch gerecht geworden, welcher von ihr erwartet werden konnte: Viele Familien haben zueinander gefunden; Städtebau, Energie und Ökologie haben ihren Platz gefunden. Heute wird im Standard annähernd so gebaut wie in den 90er Jahren die Idee für eine Solarsiedlung entstanden ist. In der neuen EnEV 2009 werden erneuerbare regenerative Energien festgeschrieben. Heute wird Energieeinsparverordnung großgeschrieben, was für diese Siedlung schon damals eine Selbstverständlichkeit war und bis heute auch ist.

Für B+G Bau und Grund Immobilien GmbH galt damals, dass die Messlatte für dieses ehrgeizige Projekt sehr hoch war. Aber es gibt auch ein Sprichwort, "dass man mit den Anforderungen und Aufgaben wächst". Und so ist diese Siedlung schließlich für alle Beteiligten ein Erfolg geworden.


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